Wiehler Community


Neues Thema erstellen  Antwort erstellen
Profil | Registrieren | Suchen | Statistik | Hilfe | Mitglieder | Minichat | Forenübersicht | Veranstaltungskalender
  nächster älterer Beitrag   nächster neuer Beitrag
» Wiehler Community   » Kunst und Kultur   » Gesehen, gehört, gelesen...   » Lügen, die wir Kindern erzählen

 - UBBFriend: Senden Sie diesen Beitrag per eMail an einen Freund!    
Autor Thema: Lügen, die wir Kindern erzählen
Der Notorische Querulant
Mitglied
Benutzer # 2246

Icon 1 erstellt am: 19. Juni 2010 00:39      Ansicht des Profils von Der Notorische Querulant   Senden Sie eine eMail an Der Notorische Querulant   Private Nachricht versenden       Editieren/Löschen des Beitrags   Antwort mit Zitat 
Paul Graham hat diesen grossartigen Essay geschrieben.
Das Original ist hier zu finden.

Lügen, die wir Kindern erzählen (Paul Graham)

Erwachsene lügen Kinder dauernd an. Ich sage nicht, dass wir da
mit aufhören sollen. Aber wir sollten zumindest genau an
schauen, welche Lügen wir unseren Kindern erzählen und warum.
Darin könnte auch für uns ein Vorteil liegen. Als Kinder wurden wir
alle belogen, und einige der Lügen, die uns erzählt wurden, be
einflussen uns bis heute. Daher: Indem wir die Arten untersu
chen, wie Erwachsene Kinder anlügen, schaffen wir es vielleicht,
unseren Kopf von den Lügen, die uns selbst erzählt wurden, zu
befreien.

Ich benutze das Wort “Lüge” in sehr allgemeinem Sinn. Nicht nur of
fene Unwahrheit, sondern auch die subtileren Arten, wie wir Kin
der in die Irre führen. Obwohl “Lüge” negative Konnotationen
hat, will ich nicht sagen, dass wir das niemals tun dürfen
— nur dass wir uns genau überlegen sollten, wann und warum
wir es tun. [1]

Etwas vom Bemerkenswertesten daran, wie wir Kinder belü
gen, ist, wie breit die Verschwörung ist. Alle Erwachsenen wissen,
worüber ihre Kultur Kinder belügt: Es sind diejenigen Fragen,
auf die du “Frage deine Eltern” antwortest. Wenn dich ein Kind fragt,
wer die WM 1982 gewonnen hat, oder welches das Atomgewicht
von Kohlenstoff ist, dann könntest du es ihm einfach sagen. Wenn
ein Kind hingegen fragt: “Gibt es einen Gott?” oder “Was ist eine Pro
stituierte?” dann wirst du wahrscheinlich sagen “Frag deine Eltern.”

Da wir uns alle einig sind, sehen Kinder kaum Lücken in der Sicht
der Welt, wie sie ihnen dargeboten wird. Die grössten Widersprü
che gibt es zwischen Eltern und Schulen, aber selbst die sind eher
geringfügig. Schulen sind vorsicht in dem, was sie über kontro
verse Themen sagen, und falls sie tatsächlich dem widerspre
chen, was die Eltern ihre Kinder glauben machen wollen, dann wer
den sie von den Eltern unter Druck gesetzt, zu schweigen, oder die
Eltern schicken ihre Kinder schlicht auf eine andere Schule.

Die Verschwörung ist derart dicht gewoben, dass die meisten Kin
der, die sie entdecken, dies nur deswegen schaffen, weil sie in
nere Widersprüche aufdecken in dem, was ihnen erzählt wird. Es
kann traumatisch sein für diejenigen, die während der Opera
tion aufwachen. So hat es Einstein erlebt:

Durch die Lektüre von populären wissenschaftlichen Bü
chern kam ich zu der Erkenntnis, dass vieles von dem, was in
der Bibel steht, schlicht nicht stimmen kann. Die Konsequenz
war ein positives, fanatisches Freidenken, gekoppelt
mit dem Eindruck, dass die Jugend absichtlich vom Staat
durch Lügen getäuscht wird: Das war ein niederschmettern
der Eindruck. [2]

Ich erinnere mich an dieses Gefühl. Um 15 war ich überzeugt da
von, dass Welt von A bis Z korrupt ist. Deshalb haben Filme wie Die
Matrix so viel Resonanz. Jedes Kind wächst in einer vorgetäusch
ten Welt auf. Es wäre irgendwie einfacher, wenn die dahinterste
henden Kräfte so klar differenziert werden könnten wie ein Hau
fen teuflischer Maschinen, und wenn man einen sauberen
Schnitt machen könnte, indem man die blaue Pille schluckt.

Schutz

Wenn man Erwachsene fragt, warum sie Kinder anlügen, dann ist
der meistgehörte Grund der, dass sie sie beschützen wollen. Und
Kinder müssen geschützt werden. Die Umgebung, die du für ein
Neugeborenes aufbaust, wird sehr anders aussehen als die
Strassen einer Grossstadt.

Das scheint so offensichtlich zu sein, dass es auch falsch erscheint,
es eine Lüge zu nennen. Es ist bestimmt keine schlechte Lüge, ei
nem Baby den Eindruck zu vermitteln, dass die Welt still und warm
und sicher ist. Doch diese harmlose Art Lüge kann sauer werden,
wenn sie unüberprüft bleibt.

Stellen Sie sich vor, wenn sie jemanden in einer derart beschütz
ten Umgebung bewahren bis er 18 ist. Jemanden derart über die
Natur der Welt zu täuschen erscheint weniger als Schutz denn als
Missbrauch. Das ist natürlich ein extremes Beispiel. Wenn Eltern
etwas derartiges tun, dann kommt es in allen Zeitungen. Aber
man sieht dasselbe Problem in kleinerem Massstab im Malaise,
das Teenager in der Vorstadt fühlen.

Der Hauptzweck von Vorstädten ist es, eine geschützte Umge
bung zu bilden, in der Kinder aufwachsen können. Und es scheint
grossartig zu sein für 10jährige. Ich liebte es, in der Vorstadt zu le
ben, als ich 10 war. Ich merkte damals nicht, wie steril es war. Meine
Welt war nicht grösser als bis zu den Häusern der paar Freunde, dich
ich mit dem Fahrrad besuchte, und der paar Wäldchen, in denen
ich herumstreunte. Im grossen Massstab gesehen war ich ir
gendwo zwischen Krippe und Globus. Eine Vorstadtstrasse hatte ge
nau die richtige Grösse. Aber je älter ich wurde, desto mehr fühlte
sich die Vorstadt erstickend falsch an.

Das Leben kann mit 10 oder 20 ziemlich gut sein. Aber mit 15 ist es
häufig äusserst frustrierend. Dieses Problem ist zu gross, um hier
gelöst zu werden, aber einer der Gründe, weshalb das Leben für ei
nen 15jährigen schrecklich ist, ist sicherlich, dass er in einer Welt,
die für 10jährige gemacht ist, gefangen ist.

Wovor, hoffen Eltern, können sie ihre Kinder beschützen, indem
sie sie in einer Vorstadt aufwachsen lassen? Eine Freundin, die
Manhattan verliess, sagte dazu einfach, dass ihre 3jährige Toch
ter “zuviel gesehen” habe. Spontan fällt mir dazu ein: Leute, die be
trunken oder unter Drogen sind, Armut, Wahnsinn, grauenvolle
medizinische Bedingungen, sexuelles Verhalten unter
schiedlichen Grades von Seltsamkeit, und gewalttätige Wut.
Ich denke, es wäre die Wut, die mir am meisten Sorgen machen
würde, hätte ich einen Dreijährigen. Ich war 29 als ich nach New
York zog. Und selbst dann war ich überrascht. Ich möchte nicht, dass
ein Dreijähriger einige der Streitereien mitansehen muss, die
ich miterlebte. Es wäre zu furchterregend. Viele der Dinge, die Er
wachsene vor Kindern verborgen halten, halten sie deswegen
fern von ihnen, weil sie furchterregend sind, nicht weil sie deren
Existenz geheim halten wollen. Das Kind in die Irre zu führen ist
nur ein Nebenprodukt.

Dies scheint eine der berechtigtsten Lügen zu sein, die Erwach
sene gegenüber Kindern anwenden. Aber da die Lügen indirekt
sind, führen wir nicht so genau Buch darüber. Eltern wissen sehr
wohl, dass sie ihren Kindern die Fakten über Sex vorenthalten ha
ben, und manchmal setzen sie sich auch mit ihren Kindern hin und
erklären ihnen mehr. Aber nur wenige erzählen ihren Kindern
die Unterschiede zwischen der realen Welt und dem Kokon, in dem
sie aufgewachsen sind. Dies, kombiniert mit dem Selbstwertge
fühl, das Eltern gerne ihren Kindern anerziehen, führt dazu, dass
jedes Jahr eine neue Ernte von 18jährigen heranwächst, die den
ken, sie wüssten, wie der Hase läuft und die Welt gehöre ihnen.
Denken nicht alle 18jährigen, sie wüssten wie die Welt am Besten
zu funktionieren habe? Genau genommen ist dies ein eher jun
ges Phänomen, nicht älter als etwa 100 Jahre. In der vorindustri
ellen Zeit waren Teenager Juniormitglieder der Erwachsenen
welt und sich vergleichsweise ihrer Defizite ziemlich gut be
wusst. Sie konnten klar sehen, dass sie nicht so stark oder ge
schickt waren wie der Dorfschmied. In vergangenen Zeiten ha
ben die Leute über gewisse Dinge mehr gelogen zu ihren Kindern
als wir heute. Aber diejenigen Lügen, die implizit in einer be
schützten, künstlichen Umwelt enthalten sind, sind eine neue Er
findung. Wie viele neue Erfindungen, haben die Reichen sie sich
zuerst angeeignet. Kinder von Königen und grossen Magnaten
sind die ersten, die ohne jeden Kontakt zur Welt aufgewachsen
sind. Vorstädte bedeuten, dass die halbe Bevölkerung in dieser
Beziehung wie Könige leben kann.

Sex (und Drogen)

Ich hätte andere Sorgen, wenn ich meine TeenageKinder in New
York aufwachsen sehen müsste. Ich würde mich weniger um das
sorgen, was sie sehen, sondern vielmehr um das, was sie tun könn
ten. Ich bin mit vielen Jungs ins College gegangen, die in Manhat
ten aufgewachsen waren, und im allgemeinen schienen sie ziem
lich abgestumpft zu sein. Sie schienen ihre Unschuld mit unge
fähr 14 verloren zu haben, und bis zum College hatten sie mehr
Drogen probiert, als ich je davon gehört hatte.
Die Gründe, warum Eltern nicht wollen, dass ihre Kinder Sex ha
ben, sind komplex. Es gibt einige offensichtliche Gefahren:
Schwangerschaft und Geschlechtskrankheiten. Aber das sind
nicht die einzigen Gründe, weshalb Eltern nicht wollen, dass ihre
Kinder Sex haben. Die durchschnittlichen Eltern einer 14
jährigen würden die Idee, dass sie Sex hat, hassen, selbst wenn es
keinerlei Risiko von Schwangerschaft oder Geschlechtskrankhei
ten gäbe.

Was genau ist es denn, was Eltern so sehr am Gedanken stört, ihre
Kinder könnten Sex haben? Ihre Abneigung dagegen ist dermas
sen stark, dass sie wahrscheinlich angeboren ist. Aber wenn es an
geboren ist, dann sollte es universal sein. Es gibt jedoch genü
gend Gesellschaften, in denen die Eltern kein Problem mit
TeenageSex haben
— wo es sogar normal ist, dass 14jährige Müt
ter werden. Was also geht hier vor? Es scheint ein universelles
Tabu zu geben gegen Sex mit vorpubertären Kindern. Dafür
kann man sich evolutionäre Gründe vorstellen. Und ich denke,
dass dies der Hauptgrund ist für die Abneigung von Eltern in indus
trialisierten Gesellschaften dagegen ist, dass ihre Teenage
Kinder Sex haben. Sie denken immer noch, sie seien Kinder, ob
wohl sie es biologisch gesehen nicht mehr sind, weswegen das
Tabu gegen Sex mit Kindern immer noch wirkt.

Etwas verbergen Eltern am Sex genauso wie an den Drogen:
Dass sie grosses Vergnügen bereiten können. Das ist das, was
Sex und Drogen so gefährlich macht. Das Begehren danach kann
einem die Sinne vernebeln und das Urteilsvermögen einschrän
ken — was besonders beängstigend ist, wenn es sich dabei um
das, gelinde gesagt, noch nicht sehr ausgeprägte Urteilsvermö
gen eines Teenagers handelt.

Wenn Eltern ihren Kindern die Wahrheit über Sex und Drogen ver
raten würden, dann wäre sie: Der Grund, weshalb du diese Dinge
vermeiden sollst, ist dein lausiges Urteilsvermögen. Leute mit
doppelt so viel Erfahrung wie du verbrennen sich immer noch da
mit. Doch dies wird einer der Fälle sein, wo die Wahrheit wenig
Ãœberzeugungskraft hat, weil eines der Merkmale schlechten Ur
teilsvermögens ist es, zu glauben, man hätte gutes. Wenn du zu
schwach bist, etwas zu heben, dann merkst du das. Doch wenn du
eine heftige Entscheidung triffst, bist du dir dessen nur umso
sicherer.

Unschuld

Ein weiterer Grund, weshalb Eltern nicht wollen, dass ihre
TeenageKinder Sex haben, ist der, dass sie wollen, dass sie unschul
dig bleiben. Erwachsene haben eine bestimmte Vorstellung da
von, wie sich Kinder verhalten sollen, und die sieht anders aus als
bei Erwachsenen.

Einer der offensichtlichsten Unterschiede bezieht sich auf die
Worte, die Kinder benutzen dürfen. Die meisten Eltern benut
zen, wenn sie mit anderen Erwachsenen sprechen, Worte, von de
nen sie nicht möchten, dass ihre Kinder sie in den Mund nehmen.
Sie versuchen sogar die Existenz dieser Wörter vor ihren Kin
dern so lange es geht zu verheimlichen. Und das ist auch so eine
Verschwörung, an der alle teilhaben: Jeder weiss, dass man nicht
vor Kindern fluchen soll.

Nie habe ich unterschiedlichere Erklärungen gehört als dann,
als es darum ging, den Kindern zu erklären, warum sie nicht flu
chen sollen. Jeder Vater, jede Mutter die ich kenne verbietet sei
nen Kindern das Fluchen, und doch haben keine zwei dieselben Be
gründung. Es ist ganz klar: Die meisten fangen damit an, ihren
Kindern das Fluchen zu verbieten. Und erst danach legen sie sich
eine Begründung zurecht.

Deshalb ist meine Theorie, dass die Funktion des Fluchens ist, den
Sprecher als Erwachsenen zu kennzeichnen. Es gibt keinen bedeut
samen Unterschied zwischen “Scheisse” und “Pupu”. Warum also
soll das eine für den kindlichen Sprachgebrauch in Ordnung sein
und das andere verboten? Die einzige Erklärung lautet: Per Defi
nition. [3]

Warum stört es Erwachsene so sehr wenn Kinder Dinge tun, die Er
wachsenen vorbehalten sind? Die Vorstellung eines unfläti
gen, zynischen 10jährigen, der sich mit einer Zigarettenkippe
lässig aus dem Mundwinkel hängend an einen Laternenpfahl
lehnt ist sehr beunruhigend. Aber warum?

Der Grund weshalb wir unsere Kinder unschuldig wollen ist der,
dass wir darauf programmiert sind, gewisse Arten von Hilflosig
keit zu mögen. Bei mehreren Gelegenheiten habe ich Mütter sa
gen gehört, dass sie bewusst darauf verzichtet haben, falsche
Aussprachen ihrer Kleinkinder zu korrigieren, weil sie so nied
lich seien. Und wenn man darüber nachdenkt, dann bedeutet Nied
lichkeit nichts anderes als Hilflosigkeit. Spielzeuge und Zeichen
trickfiguren, die niedlich sein sollen, haben immer diesen ah
nungslosen Gesichtsausdruck und untersetzte, untaugliche
Gliedmassen.

Es ist keine Ãœberraschung, dass wir eine angeborene Sehnsucht
haben, hilflose Kreaturen zu lieben und zu beschützen, ange
sichts dessen, dass menschliche Sprösslinge tatsächlich so lange
Zeit dermassen hilflos sind. Ohne die Hilflosigkeit, die Kinder
niedlich macht, wären sie äusserst lästig. Dann würden sie bloss
wie inkompetente Erwachsene wirken. Aber da steckt noch mehr
dahinter. Der Grund, weshalb mich der hypothetische abge
stumpfte 10jährige so stört, ist nicht nur, dass er dann lästig wäre,
sondern dass er so früh seine Wachstumsaussichten beschnitten
hätte. Um abgestumpft zu sein, muss man denken, man wisse, wie
die Welt funktioniert, und jede Theorie, die ein 10jähriger diesbe
züglich haben könnte, wird wahrscheinlich ziemlich einge
schränkt sein.

Unschuld ist also auch Aufgeschlossenheit. Wir wollen, dass Kin
der unschuldig sind, damit sie weiterhin lernen können. So para
dox es klingt, es gibt Arten von Wissen, die anderen Arten von Wis
sen in die Quere kommt. Wenn du lernen wirst, dass die Welt ein bru
taler Ort ist, voller Menschen, die versuchen, einander zu über
vorteilen, dann solltest du das besser erst als letztes lernen. An
derenfalls wird dich weiteres Lernen kaum noch interessieren.
Sehr gescheite Erwachsene scheinen häufig ungewöhntlich un
schuldig, und ich denke nicht, dass das ein Zufall ist. Ich denke, dass
diese Menschen bewusst gewisse Dinge zu lernen vermieden ha
ben. Ich selber ganz bestimmt. I dachte mal, dass ich alles wissen
will. Heute weiss ich, dass dem nicht so ist.

Tod

Nach dem Sex ist der Tod das Thema, über das Erwachsene am ver
schwörerischsten lügen gegenüber Kindern. Sex, denke ich, ver
stecken sie aufgrund tiefsitzender Tabus. Aber warum verste
cken wir den Tod vor den Kindern? Wahrscheinlich deswegen, weil
kleine Kinder von ihm besonders entsetzt sind. Sie wollen sich si
cher fühlen, und der Tod ist die fürchterlichste Bedrohung, die
es gibt.

Eine der spektakulärsten Lügen, die uns unsere Eltern vorsetz
ten, ging um den Tod unserer ersten Katze. Ãœber die Jahre, wäh
rend wir nach mehr Details fragten, mussten sie immer mehr hin
zuerfinden, und so wuchs sich die Geschichte zu etwas ziemlich
ausgeklügeltem aus. Die Katze starb in der Tierarztpraxis. Wo
ran? An der Anästhesie. Warum war die Katze beim Tierarzt? Um
zu gesunden. Und warum hatte sie ein solcher Routineeingriff
umgebracht? Es war nicht der Fehler des Tierarztes; die Katze
hatte ein angeborenes schlechtes Herz; die Anästhesie war zu
stark für sie; aber das hatte keiner im voraus wissen können. Erst
als wir unsere zwanziger erreicht hatten, kam die Wahrheit ans
Tageslicht: Meine Schwester, damals etwa drei, war versehent
lich auf sie draufgetreten und hatte ihr den Rücken gebrochen.
Sie hatten nicht das Bedürfnis, uns zu sagen, dass die Katze nun
glücklich war im Katzenhimmel. Meine Eltern haben nie behaup
tet, dass verstorbene Menschen oder Tiere “an einen besseren
Ort gegangen” seien, oder dass wir ihnen wieder begegnen wür
den. Das schien uns nicht geschadet zu haben.

Meine Grossmutter erzählte uns eine redigierte Version des To
des meines Grossvaters. Sie sagte, sie eines Tages lesend neben
einander gesessen, und als sie etwas zu ihm sagte, hätte er keine
Antwort gegeben. Er schien zu schlafen, aber als sie ihn zu we
cken versuchte, schaffte sie das nicht. “Er war weg.” Einen Herzan
fall zu haben klang nach einschlafen. Später hörte ich, dass es
nicht ganz so nett war, und dass der Herzanfall fast den ganzen Tag
gebraucht hatte, um ihn umzubringen.

Nebst solch unverblümten Lügen muss es auch jede Menge The
menwechsel gegeben haben, wenn die Sprache auf den Tod kam.
Ich erinnere mich daran natürlich nicht, aber ich leite es aus der
Tatsache ab, dass ich nicht wirklich kapierte, dass auch ich irgend
wann sterben würde, bis ich ungefähr 19 war. Wie konnte ich etwas
derart offensichtliches so lange Zeit verpassen? Jetzt, wo ich El
tern dabei erlebe, wie sie mit dem Thema umgehen, sehe ich, wie:
Fragen über den Tod werden sanft, aber fest abgewehrt.

Besonders bei diesem Thema kommen ihnen die Kinder auf hal
bem Weg entgegen. Kinder wollen öfter angelogen werden. Sie
wollen glauben, dass sie in einer angenehmen, sicheren Welt le
ben, genau so sehr wie ihre Eltern möchten, dass sie das glauben.
[4]

Identität

Manche Eltern fühlen eine starke Zugehörigkeit zu einer be
stimmten Ethnie oder religiösen Gruppe, und wollen, dass ihre
Kinder sich ebenfalls zugehörig fühlen. Dies erfordert üblicher
weise zwei Arten von Lügen: Das erste ist, dass dem Kind gesagt
wird, er oder sie sei ein X, und das zweite ist, was auch immer für
Spezifika die Xe glauben, was sie von anderen unterscheidet.
[5]

Einem Kind zu sagen, was es für eine besondere ethnische oder
religiöse Identität habe, ist etwas vom langanhaftendsten, was
man ihnen sagen kann. Fast alles andere, was du einem Kind er
zählst, kann das Kind selber ändern wenn es einmal anfängt, sel
ber zu denken. Aber wenn du einem Kind sagst, es gehöre zu einer
bestimmten Gruppe, dann scheint dies fast unmöglich zu erschüt
tern zu sein.

Dies trotz der Tatsache, dass dies eine der vorsätzlichsten Lügen
sein kann, die Eltern erzählen. Wenn Eltern von unterschiedli
cher Religion sind, dann einigen sie sich häufig, dass ihre Kinder
“als Xe erzogen” werden. Und es funktioniert. Die Kinder wach
sen folgsam auf und betrachten sich als Xe, trotz der Tatsache,
dass, wenn sich seine Eltern anders entschieden hätten, sie aufge
wachsen wären im Glauben, sie seien Ye.

Ein Grund, warum dies so gut funktioniert, ist die zweite Art Lüge.
Die Wahrheit ist Allgemeingut. Du kannst dich und deine Gruppe
nicht abgrenzen, indem ihr rationale Dinge tut, und indem ihr
Dinge glaubt, die wahr sind. Wenn du dich von anderen Menschen
absetzen willst, dann musst du Dinge tun, die willkürlich sind, und
Dinge glauben, die falsch sind. Und nachdem sie ihr ganzes Leben
damit verbracht haben, Dinge zu tun, die willkürlich sind, und
Dinge zu glauben, die falsch sind, und von “Aussenseitern” diesbe
züglich als sonderbar betrachtet worden zu sein, muss die kogni
tive Dissonanz, die dazu treibt, Kinder dazu zu bringen, sich als Xe
zu betrachten, riesig sein. Wenn sie kein X sind, warum hängen
sie dann an all diesen willkürlichen Glaubenssätzen und Ge
bräuchen?‘Wenn sie kein X sind, warum werden sie dann von allen
nichtX so genannt?

Diese Form der Lüge ist nicht ohne Nutzen. Man kann sie dazu einset
zen, eine ganze Ladung nützlichen Glaubens zu übertragen, und
diese wird dazu noch ein Teil der kindlichen Identität werden. Du
kannst dem Kind sagen, dass, abgesehen davon dass sie niemals
gelb tragen, zu glauben, die Welt sei von einem Riesenhasen er
schaffen worden, vor dem Fisch essen immer mit den Fingern zu
schnalzen, seien Xe ausserdem besonders ehrlich und fleissig.
Dann wachsen XKinder mit dem Glauben auf, zu ihrer Identität ge
höre Ehrlichkeit und Fleiss.

Dies ist vermutlich der Grund, weshalb sich die modernen Religio
nen dermassen ausgebreitet haben, und erklärt, warum ihre
Doktrin eine Kombination des Nützlichen und des Bizarren ist.
Das Bizarre ist jene Hälfte, die dafür sorgt, dass die Religion haf
ten bleibt, und die Nützliche Hälfte ist die Ladung. [6]

Autorität

Einer der am wenigsten entschuldbaren Gründe, dass Erwach
sene Kinder anlügen, ist, Macht über sie zu haben. Manchmal sind
diese Lügen echt böse, wie etwa wenn der Belästiger dem Kind
sagt, dass es Ärger kriegt, wenn es jemandem erzählt, was ihm ge
rade zugestossen ist. Andere scheinen unschuldiger. Es hängt
davon ab, wie schlimm Erwachsene lügen um ihre Macht zu bewah
ren, und wozu sie diese Macht einsetzen.

Die meisten Erwachsenen machen gewisse Bemühungen, ihre
Schwächen vor Kindern zu verstecken. Gewöhnlich sind ihre Mo
tive gemischt. Zum Beispiel versteckt ein Vater, der eine Affäre
hat, diese Tatsache gewöhnlich vor seinen Kindern. Seine Moti
vation ist teilweise, dass ihnen das Angst machen würde, teilweise
weil dies zum Thema Sexualität führen würde, und teilweise (und
zwar zu einem grösseren Teil als er gerne zugeben würde), weil er
sich vor ihnen keine Blösse geben will.

Wenn du lernen willst, welche Art von Lügen Kindern erzählt wer
den, dann musst di fast alle diese Bücher lesen, die mit der Absicht
geschrieben wurden, ihnen “Themen” beizubringen. [7] Peter
Mayle hat eines geschrieben mit dem Titel Warum lassen wir uns
scheiden? Es beginnt mit den drei wichtigsten Dingen einer Schei
dung. Eines davon ist:
Du solltest nie einem einzigen Elternteil die Schuld geben,
weil eine Scheidung nie nur der Fehler einer einzigen Per
son ist. [8]

Tatsächlich? Wenn ein Mann mit seiner Sekretärin durchbrennt,
ist es dann immer auch zum Teil die Schuld seiner Frau? Aber ich
kann durchaus sehen, warum Mayle dies gesagt hat. Vielleicht ist
es wichtiger, dass Kinder ihre Eltern respektieren, als dass sie
die Wahrheit über sie wissen.

Aber weil Erwachsene ihre Schwächen verstecken, und weil sie
gleichzeitig auf hohen Verhaltensstandards für Kinder beste
hen, wachsen viele Kinder mit dem Gefühl auf, hoffnungslose Defi
zite zu haben. Sie laufen mit furchtbaren Schuldgefühlen herum,
weil sie mal wieder ein Fluchwort benutzt haben, während in der
Tat die meisten Erwachsenen um sie herum noch viel schlimmere
Dinge tun.

Dies geschieht sowohl in intellektuellen, als auch in morali
schen Fragen. Je selbstbewusster die Leute sind, desto mehr schei
nen sie die Freiheit zu haben, eine Frage mit “Ich weiss nicht” zu be
antworten. Weniger selbstbewusste Menschen denken, dass sie
unbedingt eine Antwort geben müssten, weil sie sonst schlecht da
stehen würden. Meine Eltern waren ziemlich gut darin, zuzuge
ben, wenn sie etwas nicht wussten, aber mir müssen ziemlich viele
solcher Lügen aufgetischt worden sein von Lehrern, weil ich sel
ten einen Lehrer habe “das weiss ich nicht” sagen hören, bis ich ins
College ging. Ich erinnere mich so genau daran, weil es so überra
schend war, jemand dies vor der ganzen Klasse sagen zu hören.
Den ersten Hinweis darauf, dass Lehrer nicht allwissend sind, be
kam ich in der sechsten Klasse, nachdem mein Vater bei etwas,
was ich in der Schule gelernt hatte, widersprochen hatte. Als ich
protestierte, dass der Lehrer das Gegenteil gesagt hatte, ant
worte mein Vater, dass der Kerl nicht die leiseste Ahnung hatte, wo
von er überhaupt sprach — dass er letztlich nur ein Primarschulleh
rer sei.

Nur ein Lehrer? Der Satz schien mir damals fast grammatikalisch
falsch formuliert. Wussten Lehrer denn nicht alles über die The
men, die sie lehrten? And wenn nicht, warum waren sie dann dieje
nigen, die uns lehrten?

Die traurige Tatsache ist, dass Lehrer der amerikanischen öffent
lichen Schule ganz allgemein das Material, das sie lehren, eher
schlecht beherrschen. Es gibt ein paar löbliche Ausnahmen, aber
in der Regel sind Leute, die in die Lehre gehen wollen, akademisch
eher am unteren Ende der CollegeAbsolventen anzusiedeln. Da
her zeigt die Tatsache, dass ich mit 11 immer noch dachte, dass Leh
rer unfehlbar seien, was für einen gründlichen Arbeit das System
mit meinem Hirn geleistet hat.

Schule

Was Kindern in der Schule beigebracht wird ist eine komplexe Mi
schung von Lügen. Die entschuldbarsten sind diejenigen, die er
zählt werden, um Ideen zu vereinfachen, um sie leichter erlern
bar zu machen. Das Problem ist, dass viel Propaganda in den Lehr
plan hineingeschmuggelt wird im Namen der Vereinfachung.
Schulbücher repräsentieren einen Kompromiss zwischen dem,
was verschiedene Gruppen den Kindern beigebracht haben wol
len. Die Lügen sind selten offenkundig. Gewöhnlich bestehen
sie entweder aus Auslassungen, oder aus Ãœberbetonungen
gewisser Themen auf Kosten anderer. Die Sicht auf Geschichte,
die wir in der Primarschule bekamen, war eine rohe Hagiogra
phie, mit mindestens einem Vertreter jeder machtvollen
Gruppe.

Die berühmten Wissenschaftler, an die ich mich erinnere, sind
Einstein, Marie Curie und George Washington Carver. Einstein
war eine grosse Sache, weil seine Arbeit zur Atombombe führte. Ma
rie Curie hatte mit Röntgenstrahlen zu tun. Aber Carver hat mich
verwirrt. Er schien irgendwelche Dinge mit Erdnüssen angestellt
zu haben.

Es ist heute offensichtlich, dass er auf der Liste war, weil er schwarz
war (und Marie Curie war auf der Liste, weil sie eine Frau war), aber
als Kind war ich jahrelang verwirrt deswegen. I frage mich, ob es
nicht besser gewesen wäre, uns ganz einfach die Wahrheit zu sa
gen: Dass es keine berühmten schwarzen Wissenschaftler gab.
George Washington Carver auf dieselbe Ebene wie Einstein zu he
ben hat uns nicht nur in Bezug auf die Wissenschaft irregeleitet,
sondern auch bezüglich der Hürden, die Schwarze damals zu über
winden hatten.

Während die Themen sanfter wurden, wurden die Lügen häufi
ger. Zu der Zeit, als wir zu Politik und aktueller Geschichte ka
men, war das, was uns beigebracht wurde, fast reine Propaganda.
Zum Beispiel wurde uns beigebracht, die politischen Führer als
Heilige zu betrachten — besonders Kennedy und King, die erst vor
kurzem den Märtyrertod gestorben waren. Es war erstaunlich,
später zu lernen, dass beide notorische Schürzenjäger waren,
und dass Kennedy ein ganz besonderer Wüstling war (zu der Zeit,
als King’s Plagiarismus zum Vorschein kam, hatte ich die Fähig
keit, von den schlechten Taten berühmter Leute überrascht zu wer
den, bereits verloren).

Ich bezweifle, dass man Kindern aktuelle Geschichte beibringen
kann, ohne ihnen Lügen zu erzählen, weil praktisch jeder, der in
diesem Bereich irgend etwas zu sagen hat, seinen besonderen
Dreh dazuzugeben hat. Die aktuellste Geschichte besteht nur
noch aus Dreh. Wahrscheinlich wäre es das Beste, nur noch solche
MetaFakten zu lehren.

Die wahrscheinlich grösste Lüge, die in Schulen gelehrt wird, ist al
lerdings, dass der Weg zum Erfolg durch das Befolgen von “den Re
geln” führt. Genau genommen sind die meisten dieser Regeln nur
zusammengestoppelt, um grosse Gruppen effizient zu mana
gen.

Frieden

Von all den Gründen, weshalb wir Kinder anlügen, ist der mäch
tigste wahrscheinlich derselbe banale Grund, warum sie uns
anlügen.
Häufig, wenn wir Menschen anlügen, ist es nicht teil einer bewuss
ten Strategie, sondern weil sie auf die Wahrheit heftig reagieren
würden. Kinder, fast definitionsgemäss, geht die Selbstkon
trolle ab. Sie reagieren heftig auf die Dinge — und deshalb werden
sie auch häufig angelogen. [9]

Vor ein paar Thanksgivings hat sich ein Freund von mir in einer Si
tuation wiedergefunden, die auf perfekte Weise die komplexen
Motive illustriert, die wir haben, wenn wir Kinder anlügen. Wäh
rend der gebratene Truthahn auf dem Tisch auftauchte, fragte sein
erschreckend scharfsinniger 5jähriger Sohn plötzlich, ob der Trut
hahn eigentlich freiwillig gestorben sei. Die Katastrophe vor
aussehen, beeilten sich mein Freund und seine Frau rasch, zu im
provisieren: Ja, der Truthahn wollte freiwillig sterben, und in der
Tat hatte sein ganzes Leben mit dem Wunsch verbracht, ein
ThanksgivingEssen sein zu dürfen. Und das (Uff!) war das Ende da
von.

Wann immer wir Kinder anlügen, um sie zu beschützen, lügen
wir vermutlich ebenso sehr um den Frieden zu bewahren.
Eine Konsequenz dieser Art von beruhigender Lüge ist die, dass
wir aufwachsen mit dem Gedanken, dass ganz furchtbare Dinge
ganz normal sind. Es fällt uns schwer, über etwas, wo wir buchstäb
lich darauf trainiert wurden, uns keine Sorgen zu machen, ein Ge
fühl von Dringlichkeit zu verspüren wie Erwachsene. Als ich etwa
10 war sah ich eine Dokumentation über Umweltverschmut
zung, die mich in Panik versetzte. Es schien, als ob der Planet un
wiederbringlich ruiniert war. Ich ging danach zu meiner Mutter,
um sie zu fragen, ob dem tatsächlich so sei. Ich erinnere mich
zwar nicht an ihre Antwort, aber ich fühlte mich wieder besser, und
so hörte ich auf, mir Sorgen zu machen.

Das war wahrscheinlich die beste Art, mit einem veängstigten 10
jährigen umzugehen. Aber wir sollten den Preis dafür verstehen.
Diese Art Lüge ist einer der Hauptgründe, warum die Dinge so blei
ben, wie sie sind: Wir wurden alle darauf trainiert, sie zu ignorieren.

Entgiftung

Ein Sprinter geht in einem Rennen fast sofort in einen Zustand
über, der “Sauerstoffmangel” genannt wird. Sein Körper schaltet
auf eine Notenergieversorgung um, die schneller ist als die regu
läre aerobische Athmung. Doch dieser Prozess bildet Abfallpro
dukte, die letzlich zusätzlichen Sauerstoff erfordern, um sie los
zuwerden, weswegen er am Ende des Rennens anhalten und
eine Weile nach Luft ringen muss um sich wieder zu erholen.
Wir leiden bei Erreichen des Erwachsenenalters unter einer
Art Wahrheitsmangel. Es wurden uns viele Lügen erzählt, um uns
(und unsere Eltern) durch unsere Kindheit hindurch zu bringen.
Einige davon waren vielleicht notwendig. Einige wahrscheinlich
nicht. Aber wir erreichen alle das Erwachsenenalter mit einem
Kopf voller Lügen.

Es gibt niemals den Zeitpunkt, wo die Erwachsenen sich mit ei
nem hinsetzen und uns all die Lügen, die sie uns erzählt haben, er
klären. Sie haben die meisten vergessen. Daher: Wenn du diese
Lügen aus deinem Kopf hinausbefördern willst, dann wirst du das
selber tun müssen.

Wenige tun das. Die meisten Menschen gehen durchs Leben mit
Stücken von Verpackungsmaterial, das an ihrem Verstand kle
ben geblieben ist, und merken es gar nicht. Wahrscheinlich ist es
gar nicht möglich, alle Wirkungen, die Lügen, die uns als Kind er
zählt wurden, auf uns haben, komplett aufzuheben. Aber es ist es
wert, es wenigstens zu versuchen. Meine eigene Erkenntnis war,
dass, wenn immer ich es schaffte, eine Lüge, die mir erzählt worden
war, aus dem Weg zu schaffen, dass dann viele Dinge wie von selbst
an ihren richtigen Ort rücken.

Glücklicherweise bekommst du eine wertvolle neue Ressource, so
bald du die Erwachsenengrenze überschreitest, die du dazu be
nützen kannst, die Lügen, die dir erzählt worden sind, aufzude
cken. Du bist jetzt selber einer der Lügner. Du bist jetzt in der Lage,
in den Kulissen zu beobachten, wie die Erwachsenen die Welt
verdrehen für die nächste Generation von Kindern.

Der erste Schritt, einen klaren Kopf zu bekommen, ist, zu erken
nen, wie weit du davon entfernt bist, ein neutraler Beobachter
zu sein. Als ich die High School verliess, dachte ich, ich sei ein kom
pletter Skeptiker. Ich hatte erkannt, dass die High School Schrott
ist. Ich dachte, ich sei bereit, alles zu hinterfragen, was ich wus
ste. Aber unter vielen anderen Dingen war ich völlig ahnungs
los, wie viele Trümmer sich bereits in meinem Kopf befanden. Es
genügt nicht, deinen Verstand als leere Tafel zu verstehen. Du
musst sie bewusst auslöschen.

Anmerkungen

[1] Einer der Gründe, weshalb ich bei einem so grausam einfachen
Wort geblieben bin, ist, dass die Lügen, die wir unseren Kindern
erzählen, wahrscheinlich gar nicht so harmlos sind, wie wir den
ken. Wenn man sich anschaut, was Erwachsene früher Kindern er
zählt haben, ist es schockierend, wie sehr sie sie belogen haben.
Wie wir haben sie es mit den besten Absichten getan. Wenn wir da
her denken, wir seien so offen wie man vernünftigerweise mit Kin
dern sein könne, dann machen wir uns vermutlich etwas vor. Die
Chancen stehen gut, dass Menschen in 100 Jahren genau so scho
ckiert sein werden über einige der Lügen, die wir von uns geben,
wie wir es sind über die Lügen, die vor 100 Jahren erzählt wurden.
I kann nicht voraussagen, welche dies sein werden, aber ich will
auch keinen Essay schreiben, der in 100 Jahren dumm erscheint.
Deshalb werde ich einfach alle unsere Lügen Lügen nennen, und
nicht spezielle Euphemismen benutzen für Lügen, die nach heu
tiger Mode entschuldbar erscheinen.

(Ich habe eine Art weggelassen: Jene, die erzählt werden, um mit
der Leichtgläubigkeit von Kindern Spielchen zu spielen. Diese spie
len sich ab im Bereich “So tun als ob,” was nicht wirklich eine Lüge
ist, sondern mit einem Augenzwinkern erzählt wird, bis zu den
furcherregenden Lügen, die einem von den älteren Geschwis
tern erzählt werden. Dazu gibt es nicht viel zu sagen: Die ersteren
möchte ich nicht missen, und die zweiteren wird es immer geben.)

[2] Calaprice, Alice (Herausgeberin), The Quotable Einstein, Prin
ceton University Press, 1996

[3] Wenn man Eltern danach fragt, warum Kinder nicht fluchen sol
len, so antworten die weniger Gebildeten üblicherweise mit
Fragenheischenden Erklärungen wie “Es ist unangemessen,”
während die Gebildeteren ausgeklügelte Rationalisierun
gen von sich geben. In der Tat scheinen die weniger Gebildeten
näher an der Wahrheit zu sein.

[4] Wie mir ein Freund mit kleinen Kindern aufgezeigt hat, ist es
leicht für kleine Kinder, sich für unsterblich zu halten, weil die Zeit
für sie so langsam zu verstreichen scheint. Für einen Dreijähri
gen fühlt sich ein Tag etwa so an wie ein Monat für einen Erwachse
nen. Darum klingen 80 Jahre für ihn, wie 2400 Jahre für uns klingen
würden.

[5] Ich realisiere, dass ich mir unendlichen Ärger einhandeln
werde dafür, dass ich Religionen als eine Art Lüge klassifiziere.
Gewöhnlich umgehen die Leute diese Problematik mit einer
Mehrdeutigkeit im Sinne dessen, dass Lügen, die für genügend
lange Zeit durch eine genügend grosse Anzahl Menschen geglaubt
wurden, immun sind für die normalen Standards für Wahrheit. Da
ich aber nicht vorhersagen kann, welche Lügen zukünftige Gene
rationen für unentschuldbar halten werden, kann ich korrekter
weise keine Art weglassen. Ja, es erscheint unwahrscheinlich,
dass Religion in 100 Jahren ausser Mode gerät, aber auch nicht un
wahrscheinlicher, als es jemand im Jahre 1880 erschienen wäre,
dass Schulkindern im Jahre 1980 beigebracht wird, dass Masturba
tion völlig normal ist und dass man kein schlechtes Gewissen zu
haben braucht deswegen.

[6] Unglücklicherweise kann die Ladung sowohl aus guten als
auch aus schlechten Gebräuchen bestehen. Zum Beispiel gibt es
bestimmte Qualitäten, die gewisse Gruppen in Amerika als “sich
weiss verhalten” betrachten. In Tat und Wahrheit könnte man die
meisten “sich Japanisch verhalten” nennen. Es ist nichts beson
ders weisses an diesen Gebräuchen. Sie sind allen Kulturen ge
mein, die eine lange Tradition des indenStädtenlebens aufwei
sen. Wenn eine Gruppe sich durch das Gegenteil definiert, so steht
sie damit vermutlich auf verlorenem Posten.

[7] In diesem Kontext bedeutet “Themen” grundsätzlich “Dinge,
über die wir Lügen erzählen werden.” Deshalb haben diese Be
reich einen besonderen Namen.

[8] Mayle, Peter, Why Are We Getting a Divorce?, Harmony, 1988

[9] Die Ironie daran ist folgende: Dies ist gleichzeitig der Haupt
grund, weshalb Kinder Erwachsene anlügen. Falls du ausflippst,
wenn dir die Leute alarmierende Dinge erzählen, dann werden sie
eben aufhören, sie dir zu erzählen. Teenager erzählen ihren El
tern nicht, was an jenem Abend passiert ist, als sie bei einem Fre
und übernachten sollten, aus demselben Grund, aus dem Eltern
ihrem Fünfjährigen nicht erzählen, was es genau mit dem
ThanksgivingsTruthahn auf sich hat. Sie würden ausflippen, wenn
sie es wüssten.

Danke an Sam Altman, Marc Andreessen, Trevor Blackwell,
Patrick Collison, Jessica Livingston, Jackie McDonough,
Robert Morris, and David Sloo für das Lesen der Entwürfe die
ses Essays. Und da es einige kontroverse Ideen hier hat,
sollte ich ergänzen, dass keiner von ihnen mit allem einver
standen war.

Beiträge: 217 | Registriert seit: Jul 2009  |  IP: gespeichert


Format der Zeitangaben: GMT (DE)  
Neues Thema erstellen  Antwort erstellen Thema schließen    Thema verschieben    Thema löschen nächster älterer Beitrag   nächster neuer Beitrag
 - Druck-Version anzeigen
Gehe zu:




Wiehler Community

Diese Diskussionsforen werden betrieben von
melzer.de/sign



Powered by Infopop Corporation
Deutsche Version von thinkfactory
UBB.classicTM 6.3.0.1